Die erste Ausbildung

In diesem Artikel geht es um eine Station in meinem Leben, meine erste Ausbildung. Meinen beruflichen „Werdegang“ wenn man es so nennen will. Es ist schon einige Jahre her. Doch die Erinnerung an die Zeit nach der Schule ist immer noch da als wäre es gestern gewesen. Ich war kein top Schüler und auch kein absolut schlechter. Die normalen Probleme die Jugendliche in der Schule hatten, waren bei mir genauso vorhanden wie bei vielen anderen.

Schulzeit

Die Zeit in der Schule war zwiegespalten. Ich hatte für alles ein offenes Ohr, bis auf den Stoff im Unterricht. Ich glaube, das ist wohl relativ normal in dem Alter. Die größten Probleme hatten weniger mit Noten und Tests zu tun. Es gab eher autoritäre Probleme mit den Lehrern. Wenn ich das heute aus der Sicht eines Erwachsenen betrachte, ändert sich meine Ansicht im Vergleich zu damals kaum. Ich fragte mich immer: „Wie kann man solche Leute als Vertreter der Vorbildfunktion einsetzen“?

Ausbildung in der Theorie

Wir hatten echt komische Lehrer, Sandalen mit Socken, lange ungepflegte Haare, komische Brille. Klassiker, keine Ahnung wie die Lehrer heute aussehen aber damals waren es die typischen creeps. Natürlich nicht alle Lehrer aber die meisten entsprachen schon dem Bild, das man im Allgemeinen erwartet hatte. Natürlich ist das alles egal, wenn es sich um „korrekte“ Menschen handelt. Aber das war bei genau diesen Lehrern meistens nicht der Fall. In der Zeit als ich die weiterführende Schule besuchte, waren wir wohl gerade im Wandel zur nicht autoritären Erziehung.

Das heißt: Man wurde nicht mehr mit dem Zeigestock attackiert oder bedroht wie früher. Aber irgendwie war der Respekt vor den Lehrern schon nicht mehr so krass wie in den Erzählungen unserer Eltern. Natürlich haben die Eltern das sicher manchmal übertrieben dargestellt. Wenn man heute aber immer wieder liest, dass Lehrer von Schülern gemobbt oder sogar körperlich angegriffen werden. Fragt man sich doch schon was zum Teufel eigentlich aus der Jugend geworden ist.

Piss dich alde

Ein YouTube-Video, das wahrscheinlich die meisten von uns gesehen haben und eines worüber man sich damals lustig gemacht hat. Einfach, weil man das für eine Ausnahme im Alltag eines Erziehenden hielt. Doch ist dieses respektlose Verhalten gegenüber den Eltern und anderen Erwachsenen schon zur Tagesordnung geworden? Die Jugendlichen begehren immer mehr auf und mucken gegen alles und jeden.

Hätte ich es darauf angelegt und mich auf Provokationen eingelassen, dann könnte ich nicht mehr an einer Hand abzählen wie vielen kleinen Scheißern ich schon eine Rückhand hätte geben müssen. Natürlich ist man irgendwann zu alt um sich auf das rumgemucke von Heranwachsenden einzulassen. Wenn jemand stetig weiter Frech ist, dann bleibt einem wohl manchmal einfach nix mehr übrig als ihn wegzuklatschen. Zum Glück ist es bei mir noch nie so weit gekommen. Als wir so jung waren hätte ich mich niemals getraut „Jugendliche“ oder Erwachsene sei es mit Blicken oder mit Worten zu provozieren. Einfach aus dem Grund das die Leute, die in unserer Stadt draußen unterwegs waren, uns einfach eine geballert hätten. Ohne den „Welpenschutz“ überhaupt in Betracht zu ziehen.

Sind die wirklich frecher geworden?

Ich bin mir ziemlich sicher aber das ist nur ein Eindruck, den man heutzutage immer mehr bekommt. Da denke ich mir: „Eigentlich war es gar nicht schlimm früher auch mal eine Abreibung von älteren zu bekommen“. Einfach um zu wissen, wo die Grenze ist. Mit gut zureden hätten wir es auch nicht eingesehen. Man lernt halt nicht das Feuer heiß ist, ohne sich mal daran verbrannt zu haben.

Für heranwachsende fällt mir keine wirkliche Alternative ein, um eine Grenze zu markieren. Wir wussten damals: Wenn du es übertreibst, dann bekommst du eine auf den Deckel. Heutzutage versucht man anscheinend alles mit Streicheleinheiten zu Regeln. Wohin das führt, sieht man ja an den immer frecher werdenden Kiddos. Aber es ist halt so. War lediglich ein Gedanke, den ich mal niederschreiben wollte. Ich bin auch absolut nicht dafür Kinder etc. zu verprügeln und extrem Autoritär zu erziehen. Es sollte wohl einfach ein gewisser Grad an Respekt vermittelt werden. Heute gibt es wohl nur zwei Arten von Schülern: Die, die mobben und die, die gemobbt werden. Traurige Gesellschaft.

Mach doch eine Ausbildung wie die anderen

Studieren war bei meinem mit ach und Krach erwirtschafteten 3-er Durchschnitts nicht drin. Also machte ich wie immer das, was mir meine Eltern empfahlen. Eine handwerkliche Ausbildung die mir ein Kumpel meines Vaters klarmachte. Damals stellte ich mir gar nicht die Frage: „Wie viel verdient man dann später“? Reicht das dann um „gut“ zu leben? Ich war einfach ein naiver kleiner Stift, der froh war überhaupt etwas zu machen. Ich dachte mir: „wir leben ja in Deutschland“. Mit jedem gelernten Beruf verdient man gutes Geld und der Rest ergibt sich schon von selbst“. So fuckin naiv, aber wie sollte ich in dem Alter weiter denken? Es gibt meiner Meinung nach zwei Arten von Schülern, oder sagen wir drei.

Die verschiedenen Schülerarten

  1. Der „Streber“ die Lehrer lieben ihn, weil er immer brav mit macht. Er bekommt den halben Punkt immer noch dazu und hat immer top Noten.
  2. Der „Ruhige“ die Lehrer akzeptieren ihn und nehmen ihn nicht groß in die Mangel. Je nach Laune bekommt er auch mal die bessere Note, obwohl die Punktzahl im Test nicht ganz gereicht hat.
  3. Der „Störenfried“ er ist meist sozial gut vernetzt, gibt aber einen fick auf den Unterricht. Die Lehrer sind schon froh, wenn er einfach wenig negativ auffällt. Die Retourkutsche folgt, falls mal ein paar Antworten nicht eindeutig definiert sind und die Mitarbeitsnote ist immer schlecht.

Ich war irgendwas zwischen Typ zwei und drei. Mit den Klassenkameraden kam ich immer gut aus. Der Lernstoff war aber eher uninteressant. Natürlich wäre es jetzt leicht das auf die verkorksten Lehrer zu schieben. Sie waren aus meiner Sicht wirklich meistens verkorkste Misanthropen. Aber ich hatte auch einfach keinen Bock diesen „Persönlichkeiten“ zuzuhören. Es gibt Menschen, die können andere richtig mitreißen. Man hört sich gerne an was sie zu sagen haben. Einfach nur damit sie reden. Man mag eben die Art wie sie reden da sie unterhaltsam ist. Dann gibt es Menschen und das ist leider der Großteil, die einfach langweilig as fuck sind. Man merkt, dass sie immer wieder die gleiche Scheiße erzählen, auf die sie selbst keinen Bock mehr haben. Sie reden aber sagen nichts. Das ist auf Lehrkräfte bezogen wohl der einfache Unterschied zwischen „Beruf“ und „Berufung“.

Die erste Ausbildung

Also nahm ich eine Ausbildung zum Mechaniker an. Kein KFZ-Mechaniker der an Autos schraubt. Sondern eine Ausbildung, bei der man lernt, wie man Metall bearbeitet und daraus etwas formt oder baut.

Die Ausbildung begann im September wie es eben so üblich ist. Ich muss ehrlich sagen: Ich hatte schon richtig Bock mal zu sehen wie das „Arbeiten“ dann so in real ist. Der erste September kam im Handumdrehen. Meine Mutter begleitete mich am ersten Tag, was mir Kraft gab und wir fuhren zusammen zur Firma.

Da ich keinen Führerschein hatte und es relativ weit von Zuhause entfernt war, fuhr mich meine Mama anfangs mit dem Auto hin. Mit „meinem“ eigenen Auto. Ich hatte nämlich damals schon einen Wagen, den mir meine Eltern geschenkt hatten. Einen Golf 4 1,9 TDI mit 101 PS. Normale Eltern hätten einfach gesagt: „Hier kauf dir eine Monatskarte“. Meine Eltern waren nicht normal, sie hatten kein Problem damit mich zu fahren. Nicht, weil ich ein verwöhntes Balg war. Sie wollten wohl einfach, dass ich immer sicher ankomme und waren für mich da wie immer. Wir kamen also in der Firma an und gingen durch die Tür am Empfang.

Was ist das für ein Bastard?

Ein unfreundlich wirkender Typ mit Anzug und Krawatte kam uns entgegen und meine Mam und ich sagten: Morgen! Der Typ schaute meine Mutter an als hätte Sie ihn auf gröbste beleidigt. Er fragte in einem Ton der es doppelt und dreifach gerechtfertigt hätte ihm die Zähne mittels mechanischer Krafteinwirkung aus dem Kiefer zu entfernen: „Wie bitte?“ Als er das sagte, kochte in mir eine Wut hoch. Ich musste mich beherrschen ihn nicht direkt anzuspucken. „So ein respektloses Stück Scheiße“ dachte ich mir. Meine Mutter wiederholte die Begrüßung: „Guten Morgen“. Er sagte nichts und zog von dannen. Ich fragte geschockt: „Mama, was war das für ein Bastard?“ Sie lächelte und meinte nur: „scheiß auf den, der spinnt“.

Ausbildung

Wir meldeten uns bei der Frau am Empfang für die Ausbildung an. Meine Mama sagte: „Schatz ich geh dann mal“. Durch die Begegnung mit dem „Personalchef“ wie sich später rausstellte war meine vorherige Euphorie verflogen. Ich fühlte mich ekelhaft und fehl am Platz, ich wollte einfach nur noch weglaufen.

Willkommen in der Hölle

Der „Meister“ holte mich ab, er war ein kleiner Kerl, ca. 50 Jahre alt mit Schnauzer und einem klassischen blauen Meisterkittel. Er sagte: Hallo, ich bin Herr ******* und ich bin zuständig für deine Ausbildung. Ich dachte mir: OK, wenigstens ist der freundlicher als der Schlips träger, mal schauen wie die anderen Azubis so sind. Wir liefen also über die Wende platte in die Lehrwerkstatt und trafen noch die zwei anderen Azubis, K*** und V****. K***** war ein schlaksiger deutscher, er war riesig und sah ziemlich brav aus. V***** ein typischer Russe. Er hatte ungegeelte Haare und sah aus wie Russen eben aussehen und das meine ich null abfällig. Wir gingen ins Büro des Meisters und er zündete sich direkt eine Zigarette an.

Ich dachte mir: Nice, hier darf man anscheinend überall rauchen. Ich fragte ihn schüchtern, ob ich mir auch eine anmachen kann, er erwiderte nur: „Nein, nur ich darf hier rauchen“. Da ich zu dieser Zeit 16 Jahre alt war und er der „Boss“, fand ich das nicht unfair oder so. Ich dachte mir: „OK, eigentlich darf ich ja eh noch nicht rauchen“. Wir mussten die Sicherheitsunterweisung über uns ergehen lassen und bekamen Blaumänner und unbequeme S3 Arbeitsschuhe zugeteilt. Wir zogen uns im Pausenraum um und plötzlich waren wir keine Schüler mehr, wir waren verdammte Mechaniker. Irgendwie war das schon ein gutes Gefühl, ich dachte mir: „Cool, ich werde gebraucht und leiste meinen Beitrag“.

Zurück im Jahr 1940

Wir stiefelten also in den schweren Sicherheitsschuhen aus dem Pausenraum und schauten uns in der riesigen Halle um. Die Auszubildenden hatten eine eigene Halle mit verschiedenen Maschinen und Abteilen, die „Lehrwerkstatt“. Es gab z.B. zwei Schweißkabinen, eine Reihe mit Werkbänken die mit Namen beschriftet waren, eine riesige Stanze und eine Bandsäge. Der Boden war aus kaltem Stein und hatte die beste Zeit eindeutig hinter sich. Überall fanden sich große Löcher und Krater. KRATER.

Ausbildung, Halle, die Lehrwerkstatt

Die Scheiben der Halle waren so dreckig das man nicht mehr richtig nach draußen sehen konnte, es war kalt und finster da die Hälfte der Neonröhren an der Decke ausgefallen war. In diesem Moment dachte ich mir panisch: „Fuck, so soll mein Leben aussehen? Ich bin gefickt“. Die große Stanze am Eingang war so wie alle Maschinen dort mit grüner Farbe bestrichen. Die Maschine sah aus als wäre sie mindestens 50 Jahre alt und ich glaube, das war sie auch. Unser Meister sah, dass wir uns umschauten. Er meinte: „Diese alten Maschinen verrecken nie, das ist noch richtig gutes Zeug, nicht so wie die China Böller heute. In Filmen wie z.B. Schindlers Liste, sieht man alte Produktionshallen, in denen Waren gefertigt werden. Genau so sah die Lehrwerkstatt aus, nur nicht in Schwarzweiß.

Haifischbecken

Die anderen Azubis waren je nach Lehrjahr deutlich älter und musterten uns von oben bis unten. Der Ausländeranteil lag bei ca. 70 %, ich dachte mir: „Wenigstens viele Ausländer, die sind bestimmt korrekt“. Nicht das ich, was gegen Deutsche hätte, Ausländer sind halt meistens einfach direkter, offener und haben mehr Humor. Man weiß bei ihnen fast immer direkt woran man ist, sie sind aus meiner Erfahrung meist geselliger.

Unsere erste Aufgabe stand an, der Meister grinste wie ein verdammtes Honigkuchenpferd als er uns erklärte was jetzt Phase ist. „Ihr bekommt jeder eine eigene Werkbank, dort ist neues Werkzeug für euch drin. „Pflegt das Werkzeug!“ Es ist teuer und ihr bekommt kein neues, wenn etwas kaputtgeht. Das muss die ganze Ausbildung über halten!“

Er händigte jedem den Schlüssel für die zugewiesene Werkbank aus und wir öffneten die Schubladen um uns das brandneue glänzende Werkzeug reinzuziehen. Ich friemelte den dürren Schlüssel aufgeregt ins Schloss und entriegelte die Schublade und dachte mir dann direkt: WTF?

Aus alt mach neu oder einfach nur alt lassen

Neues Werkzeug? Was hat der denn genommen? Das Werkzeug hatte die besten Tage schon längst hinter sich. Ein gammliger Hammer, eine krumme Schieblehre und weitere absolut lausige Stücke befanden sich in der Schublade. Wir Azubis schauten uns gegenseitig an und schmunzelten. Wir kannten uns erst seit einer Stunde aber diese Blicke, hätte wohl auch ein fremder Mensch Deuten können.

Nachdem wir unser „neues“ Werkzeug erhalten hatten, bekamen wir auch noch etwas wirklich Neues. Wir bekamen den heiligen Gral, ein brandneues Talmeter. Das Talmeter ist ein Maßband in einem blauen Kunststoffgehäuse, mit dem man perfekt alle möglichen Zuschnitte im Metallbereich abmessen kann. Der Meister flexte: „Die Dinger sind extrem teuer, hütet es wie eure Augäpfel“. Da es das einzig neue und unbenutzte Stück war, das wir an diesem Tag bekamen, glaubten wir ihm und steckten es vorsichtig in unsere Bauchtaschen.

Die erste Aufgabe

Der Meister fuhr fort, hier beginnt die Ausbildung! Ihr bekommt jetzt eure erste Aufgabe und die ist sehr wichtig. Er händigte jedem von uns ein dickes, schweres, kaltes Stück U-Stahl aus. Wir mussten den U-Stahl in unsere Schraubstöcke einspannen und er erklärte was wir jetzt die nächsten zwei Wochen machen werden. Ich glaube, das muss man in vielen handwerklichen Ausbildungen machen. Wir sollten also den U-Stahl per Hand glatt feilen, um ein Gefühl für die Bearbeitung von Metall zu bekommen. Versteht ihr nicht? Kein Thema, anbei ein Foto von dem Teil!

Metaller Ausbildung, U-Stahl feilen
So sieht der U-Stahl unbearbeitet aus
Metaller Ausbildung, U-Stahl feilen
Und so nach Tagelangem feilen, beide Seiten sollen eben und gleich hoch sein

Wie auch immer, wir hatten auf jeden Fall für die nächsten zwei Wochen zu tun. Die anderen Azubis lachten wie Idioten und ich dachte mir nur: „na gut, muss wohl sein“, ist eben eine Ausbildung. Wir fingen also an unser U-Stahl zu feilen und wir waren wirklich ein paar Stunden damit beschäftigt. Irgendwann kam der Meister, um uns endlich eine andere Aufgabe zuzuteilen. Ich musste mit einem der älteren Azubis den Getränkeautomaten auffüllen, sein Name war S****.

S*****

S**** meinte: „Andreas, komm mit!“ Ich erwiderte: „Nenn mich ruhig Andi“ und lief ihm hinterher. Wir gingen in eine andere Halle in der sich ein dicker alter Getränkeautomat und ein kleiner Lagerraum befanden. Er schloss die Tür zum Lagerraum auf, wir gingen hinein und er schloss die Tür hinter uns wieder ab. Ich dachte mir, „fuck, was wird das jetzt? Hab ich heute Schrankdienst?“. Er holte einen kleinen Lederbeutel mit Münzgeld raus und begann zu zählen. Ich schaute ihn an wie ein Auto. Einfach, weil ich nicht wusste, ob ich jetzt auf Krampf ein Gespräch beginnen sollte oder einfach mein Maul zu halten hatte.

Er schaute mich mit grimmigem Blick an und sagte: „Nimm hier niemals Geld raus“. Ich nickte. S***** war ca. 1.70 Meter groß und hatte längere nach hinten geschleimte Haare. Wenn man ihn ansah, fiel einem sofort sein Nasenpiercing auf. Das war damals schon bei Mädchen ungewöhnlich, bei Jungs hatte ich es bis jetzt noch nicht gesehen. S***** hatte braune dunkle Augen und einen lässigen Gang. Beim Laufen schwankte er immer leicht von rechts nach links, es passte gut zu ihm und seiner Aura. S***** kam absolut cool rüber, ich hatte direkt Respekt vor ihm. Er behandelte mich nicht schlecht oder war unfreundlich. Er hielt einfach immer eine kleine mentale Distanz ein, wenn er mit mir sprach.

Wellness

Nachdem die Kohle gezählt war, mussten wir noch den Automaten befüllen. S***** schnappte sich eine Flasche „Wellness“ und nahm einen kräftigen Schluck. Ich dachte mir: „Cool, er trinkt einfach so aufs Haus“. Er bot mir auch was an und ich trank eine komplette Flasche auf ex leer. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich: Er ist korrekt. Er wollte mich nicht auf Teufel komm raus ausfragen. Wir unterhielten uns einfach ganz entspannt und brachten die Standardfragen hinter uns. Ich fragte ihn wie es hier so ist. Er meinte: Die Ausbildung geht schon klar, du brauchst dir keine Gedanken zu machen.

Er musterte mich und verpasste mir ein paar Dämpfer aber das war O. K., nichts was ich ihm ankreiden müsste. Als wir wieder zurück in der Werkstatt waren, dachte ich mir: „hoffentlich sind die anderen auch so in Ordnung“ wie S*****. Meine Menschenkenntnis war schon immer relativ gut. Dafür muss man kein Profi im Lesen der Körpersprache sein, die Lügner und Faker outen sich meistens ganz von selbst. Mann muss nur aufmerksam zuhören. Bei ihm hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl und es bestätigte sich je mehr ich ihn kennenlernte. Er war ein urkorrekter Typ und wurde immer mehr wie ein Freund.

Die kommenden Wochen fühlte ich mich immer wohler. Ich war kein Opfer das gehänselt wurde, sondern integrierte mich immer mehr und vor allem auch bei den älteren Kollegen. Die Arbeit war nicht so wild wie anfangs gedacht und ich rauchte jetzt auch ab und zu in der Werkstatt ohne mich dabei vom Meister erwischen zu lassen. Wie das ging, zeigten mir die älteren. Im Endeffekt ging es den ganzen Tag nur darum, so wenig wie möglich zu machen, und sich dabei nicht erwischen zu lassen.

Geteiltes Leid

Die Gemeinschaft dort war das perfekte Beispiel von geteiltem Leid. Das beste Beispiel wie gut es funktionieren kann verschiedene Kulturen und Menschen durch eine einzige Verbundenheit zusammenzubringen. Wir waren Italiener, Türken, Bosnier, Deutsche und Russen und niemand hatte ein Problem mit dem anderen. Klar gab es ab und zu kleinere Fetzereien, aber das hatte nie mit der Herkunft des anderen zu tun. Sondern einfach mit seiner Art als Mensch oder dem vorhergegangenen Benehmen. Am Ende des Tages war jeder mit dem anderen cool und falls nicht wurde es sofort geklärt. Auch, wenn mal die Fäuste flogen, hasste sich niemand wirklich. Alle wollten einfach die Ausbildung schaffen und dann schauen, wie es weitergeht.

Es gab kaum Lästereien oder Gelaber hinter dem Rücken der anderen. Am Ende des Tages hieß es: wir Azubis gegen den Meister. Das machte ihn wie ich heute meinen würde über die Jahre wirklich irre. Immer mit den kleinen Scheißern zu tun zu haben und die Gewissheit, das sie nichts aus Ihren Fehlern lernen und mit der Zeit und dem Wandel der Gesellschaft nur immer frecher und noch lernresistenter werden. Er war wirklich ein Choleriker, er schrie bei jeder Kleinigkeit rum wie ein Verrückter. Ich kann es ihm nicht verübeln, er war es wohl einfach leid.

Bevor Ichs vergesse: Den U-Stahl feilte ich nur an Tag 1 von Hand. Am 2. Tag kam einer von den älteren Azubis mit der Flex und schliff mir fast das komplette Teil innerhalb von einer Minute runter. Ich vertuschte es und begradigte das Werk noch von Hand mit der Feile um es dann dem Meister zu zeigen. Er meinte: „Gut, wie hast du das so schnell geschafft?“ „Ich habe mir Mühe gegeben und bin dran geblieben Herr ******“ Super! Gut gemacht!

Zusammenhalt in der Ausbildung

Dank der Hilfe des anderen Azubis hatte ich mir so ordentlich Zeit gespart. Wir kamen ins Gespräch. Sein Name war C******. C****** war ein richtiger Italiener. Er hatte immer irgendwo auf seinen Klamotten eine italienische Flagge und fuhr nur Autos von Fiat. Seine Haut war stets vom Solarium gebräunt, er war schlank und durchtrainiert aber nicht sehr groß. Ich denke so 170 cm. Wenn ein Kind fragen würde: „wie sehen Italiener aus?“ könnte man ein Foto von ihm zeigen und es wäre sofort klar. Er war wie S***** ziemlich schlagfertig und zeigte einem gerne, das man in einem Wortgefecht unterlegen ist. Die älteren Jungs waren alle in Ordnung. Sie fanden die perfekte Balance zwischen zeigen, dass SIE die älteren sind und uns neuen helfen.

Der Zusammenhalt war wirklich mega, ich fühlte mich bald zugehörig und ich ging wirklich gern zur Arbeit. Klar, wir waren nicht in einem nagelneuen Büro oder in einem geilen Gebäude mit Klimaanlage. Trotzdem freute ich mich jedem Morgen auf die Jungs und die Geschichten die sie zu erzählen hatten. Jeder hatte einen anderen Hintergrund, jeder hatte bestimmte Charakterzüge die ihn ausmachen. Ich integrierte mich immer mehr und hing immer öfter mit den großen ab. Wir schlichen uns regelmäßig in 2-3 Mann Gruppen in den Pausenraum und rauchten dort. Natürlich verplaudert man sich dann auch mal. Aus den 10-Minuten Raucherpausen wurden auch mal schnell Diskussionsrunden die gut eine Stunde gehen. Oder halt so lange bis wir erwischt und verscheucht wurden.

Kleine Pause

Wie in Handwerksbetrieben üblich gab es immer um 9.15 Uhr die Frühstückspause. Diese ging 15-Minuten und wurde durch ein lautes tröten in allen Hallen eingeleitet. Eine Stunde davor kam die russische „Brezelfrau“ wie wir sie nannten. Sie nahm die Bestellungen auf. Ich weiß leider nicht mehr wie sie hieß, bin mir aber sicher, dass sie Russin war. Sie redete mit einem Akzent den nur deutschsprechende Russen haben, ja genau so wie ihr es euch gerade vorstellt :D. Wir nennen Sie einfach mal Olga. Olga war für eine Frau ziemlich groß, ca. 175 cm würde ich schätzen. Sie war schlank und trug immer knallenge Jeans und hochgezogene Tangas in auffälligen Farben die man nicht übersehen konnte. Die ganzen Arbeiter schauten ihr hinterher wie Kühe einem Zug und sie genoss das dezent.

Wir schnappten uns unsere Essenstüten und verschwanden alle zusammen im Pausenraum. Die Azubis, die von der Art her nicht ins Rudel passten, zahlten Ihre Steuern und setzten sich unauffällig in irgendeine Ecke. Mit steuern zahlen meine ich das die älteren Azubis immer einen Teil des Essens der nicht so beliebten Azubis für sich einkassierten und somit oft gratis speisten. Das passierte nicht immer aber gelegentlich. Zum Glück wurden für mich keine Steuern fällig. Ich kam ja mit den älteren gut aus und S**** hätte mich beschützt, falls es nötig gewesen wäre. Die Steuern betrugen entweder eine Backware, z.B. eine Brezel oder ein großer Biss vom Döner etc. Ich meine es ernst, das war wirklich so =).

Das Aufstehspiel

Im Pausenraum spielten wir regelmäßig das Aufstehspiel. Ich muss lachen, wenn ich dran denke wie dumm das Spiel eigentlich war. Damals war es aber der Höhepunkt der Frühstückspause. Das Spiel funktionierte wie folgt: Alle sitzen im Pausenraum bis die Tröte das Ende einleitete. Obwohl die Pause vorbei ist, bleiben alle sitzen und tun so als würden sie z.B. Müll unter dem Tisch aufsammeln oder irgendeinen anderen Grund dafür haben nicht aufstehen zu können. Der Meister kam immer genau mit dem Läuten der Tröte hereingestürmt, um uns nach draußen zu treiben. Aber alle blieben sitzen, keiner wollte der Verlierer sein.

Der, der zuerst aufsteht. Verliert und darf nun bis zur Mittagspause von allen aufs gröbste beleidigt werden, er darf sich nicht verteidigen oder wehren. Es war einfach zu gewinnen. Ein paar der Azubis hatte der Meister ohnehin schon auf dem Kicker. Wir riefen einfach ihre Namen rein und schon sprach er sie direkt an. Sie mussten aufstehen bevor er ausflippt und waren damit die Verlierer. Da ich beim Meister einen relativ guten Stand hatte, schaffte ich es die komplette Ausbildung über nicht ein einziges Mal als erster aufzustehen. Wenn einer der älteren verloren hatte und die aus dem 1. Lehrjahr von ihrem Recht des Beleidigens gebrauch machten, bekamen sie natürlich trotzdem eine Backpfeife. Nicht jeder konnte in den Genuss des Sieges kommen.

Wissen teilen

Die Älteren zeigten den jüngeren wie man z.B. Bleche schweißt oder etwas gerade abschleift. Dies wurde von Lehrjahr zu Lehrjahr weitergegeben, ich hatte wirklich viel Spaß dabei da immer Scheiße gelabert wurde. Wir machten nie einfach nur eine Aufgabe, immer wurde irgendjemand verarscht oder irgendwelche faxen dabei gemacht. Am Ende des Tages war nur wichtig, dass wir bestimmte Dinge gut konnten und etwas beim Ausführen der Arbeiten lernten. Auch, wenn wir die Dinge nach unseren eigenen Regeln machten. Jeder lernte in der Ausbildung dass, was er später können musste. Vielleicht gerade, weil wir das mit Spaß verbunden hatten.

Ausbildung zum Schweißer

Das erste Lehrjahr verging wie im Flug. Plötzlich war ich auch einer der anderen etwas beibringen musste, ich war angekommen und wurde immer selbstständiger. Die Ausbildung war zwar schmutzig und anstrengend aber wir lernten wirklich viele Dinge. Die besten Tage waren die, an denen viele von den Azubis in der Lehrwerkstatt arbeiteten. Dann hatte man immer jemand mit dem man rauchen oder labern konnte. Je nachdem wie groß die Auslastung in den anderen Abteilungen war, mussten auch oft Lehrlinge aushelfen. Das ist ja eigentlich in jeder Ausbildung so.

Geiz ist geil

Die Azubis sind eben oft auch billige Arbeitskräfte, sie sehen jede Abteilung und kennen sich nach einer gewissen Zeit gut aus. Gerade darum sollte man den ausgelernten nach der Ausbildung gutes Geld anbieten. Man bekommt nie wieder einen Mitarbeiter, der alle Abläufe so gut kennt wie jemand, der eine Ausbildung im Betrieb gemacht hat. Einen Azubi nicht zu übernehmen ist ein mächtiger Fehler wie ich finde. Außer er oder sie taugt natürlich absolut nichts, dann ist es besser, wenn man sich trennt. Oder der Job passt nicht zum Azubi, dann wäre das auch nachvollziehbar.

Dadurch das die Ausbildung meistens 2-3 Jahre geht ist es natürlich umso ekliger, wenn man direkt nach 6 Monaten merkt: das isses nicht! Aber kann man, das überhaupt einschätzen, wenn man so jung ist? Ich meine nicht das man den Welpenschutz bis Mitte 20 braucht. Seid doch einfach mal wirklich für die, die ihr Ausbilden sollt da. Steckt da mal Liebe rein und bringt die Aufgaben auch, wenn sie langweilig sind mit Spaß und Lebensfreude rüber. Ich glaube, dann kann man fast jeden wenn auch auf den zweiten Blick für eine Sache begeistern.

Die größte Prüfung, die Ausbildung an sich

Meiner Meinung nach ist das Durchziehen einer Ausbildung die größte Prüfung im Arbeitsleben. Keine Arbeitserfahrung kann diese Menge an Einblicken in einem Betrieb reproduzieren. Meiner Erfahrung nach bekommt man aber leider absolut nicht die Wertschätzung, die man nach der Lehre bekommen sollte. Natürlich, Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Wer diesen Spruch aber noch offen ausspricht, hat die Ankunft der Moderne längst verschlafen. Den älteren muss doch klar sein das es nur eine einzige Art des Weiterbestehens geben kann, der Nachwuchs. Ich glaube man entwickelt sich ab einem gewissen Alter einfach wieder zurück, natürlich nicht jeder, aber viele.

Die älteren denken sich: Was wissen die jungen Leute schon. Die Jungen Leute haben aber alleine durch ihr Alter einfach den Vorteil up to date zu sein. Gerade heutzutage wo fast alle Arbeiten, wenn möglich mit Computern erledigt werden, steckt jeder 18-Jährige der sich dafür interessiert, jeden älteren am Computer in die Tasche. Natürlich ist die Erfahrung, die ein älterer Mitarbeiter mitbringt auch wertvoll und wichtig. Man sollte sich nur nicht deswegen über andere stellen, weil sie jünger sind. Das schlimmste, was man tun kann. Ist doch andere von oben herab zu behandeln, egal ob im Beruf oder Privat.

Zurück zur Ausbildung

Ausbildung, Kolllegen

Mittlerweile kannte ich die Abläufe und kein Tag bei der Arbeit konnte mich noch schocken. Ich kannte mittlerweile auch viele der erwachsenen Kollegen. Auch wenn diese Leute was Bildung und Schulabschlüsse angeht, die Unterschicht der Gesellschaft darstellten, fiel eines immer wieder auf. Es war kein einziger Mensch dabei, den man durch sein Auftreten als Abschaum bezeichnen konnte. Außer vielleicht der ekelhafte Personaler. Da er aber im Büro arbeitete, zähle ich ihn hier jetzt nicht dazu. Keiner war unfreundlich, egoistisch oder asozial. Es waren die korrektesten Leute, die ich jemals in einem Betrieb gesehen habe. Manche waren Alkoholiker aber trotzdem herzlich und freundlich. Jeder teilte sein Essen mit einem, keiner hatte ein Problem mal eine Kippe zu schenken. Es waren einfach korrekte anständige Menschen. Auch, wenn sie selber wenig hatten teilten sie mit jedem.

Umso länger die Ausbildung ging, desto mehr fragte ich mich: „Willst du das wirklich dein Leben lang machen?“. Ich fragte mich, ob ich im Anschluss überhaupt die Wahl hätte mich für etwas anderes zu entscheiden. Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug um einen anspruchsvolleren Job zu machen. Wenn es mal Feedback gab, lautete es wie folgt: Du bist jetzt nicht der beste aber, wenn du dich noch mehr anstrengst übernehmen wir dich vielleicht. Ich erledigte meine Aufgaben sicher nicht perfekt aber ich hatte schon einen Anspruch an mich selbst, ich wollte die Ausbildung unbedingt bestehen. Außerdem war ich eigentlich dort um zu lernen, oder?

Es gibt keine schlechten Azubis, nur schlechte Ausbilder

Schweißen ohne Absauganlage für den Rauch der dabei entsteht, nur ein paar frische Handschuhe ab und zu. Arbeitsschutz wurde nicht gerade großgeschrieben. Ich dachte mir immer nur: so viel ist meine Gesundheit, mein Leben also wert, keinen Euro für ein neues Paar Handschuhe. Es ist schon erschreckend wie in großen Firmen teilweise gearbeitet wird. Bei den ganzen Arbeitsschutzregeln, die es in Deutschland gibt, sollte man meinen jeder Betrieb verhält sich zwingend vorschriftsgemäß. Das ist aber bei weitem nicht so und was will man machen als kleiner Arbeiter?

Falls man eine dicke Lippe riskiert ist entweder der Job weg oder das Leben wird einem zur Hölle gemacht bis man selbst kündigt. Wir trauten uns damals nicht die Missstände anzusprechen. Einfach, weil wir Angst vor den „höheren“ hatten, wir waren ja „nur“ Azubis. Natürlich wusste auch unser Meister das hier auf die meisten Sicherheitsvorkehrungen gespuckt wurde. Er war aber auch nur einer der sich vor den Anzugträgern duckte, ohne Murren zu machen. Und nicht zu vergessen, gefühlt die Hälfte der Belegschaft war angetrunken während sie mit einer 10-KG schweren Flex in der Hand die Funken durch die Halle fliegen ließ. Das hört sich jetzt witzig an aber, wenn man mal genauer darüber nachdenkt ist es einfach erbärmlich und traurig. Mitten in Deutschland in den 2000ern aber vom Equipment her in der Nachkriegszeit. Bei einer Firma die jedes Jahr hohe 2-Stellige Millionenumsätze erwirtschaftet.

Eine Tüte Milch am Tag

Jeden Tag einen halben Liter Milch!
Milch, ein Allheilmittel!

Irgendwann rief der Meister alle Lehrlinge in sein Büro. Er war euphorisch und teilte uns eine Neuerung betreffend des Arbeitsschutzes mit. Ich dachte mir: Geil! Endlich! Bestimmt bekommen die Schweißplätze endlich funktionierende Absauganlagen. Bestimmt werden passende Hightech Atemschutzmasken an alle Mitarbeiter ausgehändigt. Jetzt ändert sich alles! Der Meister zückte eine selbstgedrehte Zigarette aus seiner Brusttasche und zündete sie an während er begann vorzulesen. Da die Staubbelastung beim Schleifen sehr hoch ist, wurde eine weitere Arbeitsschutzmaßnahme von der Geschäftsführung genehmigt….. Wir waren alle aufgeregt, tatsächlich! Es interessiert die da oben doch wie es uns geht! Sie wollen das wir gesund bleiben! Es denkt jemand an uns! Alles wird besser!

Er las weiter: Darum wird ab nächster Woche täglich jedem Mitarbeiter ein Tetrapak Milch kostenlos zur Verfügung gestellt. Milch? Was zum Teufel? Unser Meister erklärte uns die Hintergründe. Die Milch bindet eingeatmete Staubpartikel und man scheidet diese dann besser aus, außerdem ist Milch allgemein gut und gesund. Wir lachten, aber er erzählte das alles todernst. Es war wirklich ernst gemeint, das merkten wir als in der kommenden Woche die ersten Milchtüten geliefert wurden. Oh Mann ich könnte Grad heulen vor Lachen.

B****

Kollege in der Ausbildung
Ne, ganz so gut sah er nicht aus. Aber cooler Typ!

Zu dieser Zeit arbeitete ich mit B****. B**** war ein cooler Typ, riesig und kräftig aber kein Fettsack oder so. Er war einfach ein Hüne. Er hatte kurze haare und viele Tattoos, der klassische Arbeiter der riesige schwere Teile bewegt und dabei null angestrengt aussieht. Wir machten gerade Pause und tranken unsere durchaus schmackhafte Gratis-Milch. Er meinte: „Stell dir das mal vor, in anderen Firmen gibt es die neuesten Absauganlagen. Es gibt passende Atemmasken für jede Art des Schleifens und sobald eines der Arbeitssicherheit-technisch relevanten Hilfsmittel auch nur eine kleine Macke hat, wird es sofort ersetzt“.

Und was gibt es bei Firma ********? Eine Tüte Milch pro Tag. Wir lachten bestimmt 5 Minuten darüber, die Tränen kullerten, wir konnten uns kaum wieder beruhigen. Ich bekam schon Bauchschmerzen davon. Die meinten das wirklich ernst, jeden Tag wurde neue Milch geliefert. Es änderte sich ansonsten nichts aber wir trunken täglich brav unsere Milch. Natürlich lag die Raucherquote auch bei bestimmt 90 % aber das war unsere eigene Entscheidung, wir hatten die Wahl zu rauchen oder es zu lassen. Ich glaube die meisten die dort arbeiteten, wussten sie würden es unter diesen Umständen sowieso nicht bis zur Rente schaffen, daher war ihnen alles egal. Oder um die Einstellung der Mitarbeiter mit einem Video zu beschreiben: https://www.youtube.com/watch?v=NmaPwxjaAFA

Das dritte Lehrjahr in der Ausbildung

Die Zeit verging so schnell, plötzlich war ich im 3. Lehrjahr der Ausbildung. Ich war fast schon ein richtiger Mechaniker. Ich konnte eigentlich jede Aufgabe, die mir zugeteilt wurde selbstständig erledigen. Der alles entscheidende Tag kam immer näher, die Gesellenprüfung. Ich fuhr jeden morgen mit meinem Golf zur Arbeit, ein geiles Gefühl. Ich war erwachsen geworden. Endlich verdiente ich mein eigenes Geld, auch wenn es wenig war, ich verdiente mein eigenes Geld. Ich weiß noch, von meinem ersten Azubi Zahltag kaufte ich mir eine Armani Armbanduhr, eine AR0294 für knapp 500 €. Das war meine erste eigene Uhr, ich war so stolz auf sie und ich habe sie noch heute. Natürlich ist das Teil mittlerweile ziemlich zerkratzt und die Batterie ist leer. Vielleicht lasse ich sie mal polieren, eine neue Batterie einbauen und trage sie wieder auf Nostalgie Basis.

Armani AR0294 vom ersten Ausbildungsgehalt
Mein allererster „Luxuskauf“ vom Azubigehalt

Alles war gut, ich chillte meistens mit den Jungs und war zufrieden. Das Problem war nur, das die Freundschaften bei der Arbeit nicht auf Dauer waren. S**** war bald fertig mit der Ausbildung und musste die Lehrwerkstatt verlassen, genauso wie C****** der auch in seinem Lehrjahr war. Die Jungs aus meinem Lehrjahr K**** und V***** waren auch cool aber die älteren waren mittlerweile richtig gute Freunde geworden. Wir machten auch in unserer Freizeit was, stiegen in Spielotheken ab oder gingen zusammen in Clubs. Der Gedanke daran das die beiden nicht mehr jeden Tag mit mir „arbeiten“ würden wurmte mich extrem, ich wollte nicht das sie gehen müssen. Klar, wir würden noch in der gleichen Firma arbeiten aber sie wären immer in ihrer Abteilung und wir würden uns nur noch selten sehen.

Zurückgelassen

Wieder alleine in der Ausbildung
Die Ausbildung muss weitergehen

Es kam wie es kommen musste, die Jungs bestanden ihre Gesellenprüfungen und mussten in ihre Abteilungen gehen. Natürlich freute ich mich für sie aber ich war auch traurig. Wir verabschiedeten uns und ich unterdrückte die Tränen.

Plötzlich waren sie weg. So ein widerliches Gefühl ich hätte kotzen können. Ich ging alleine zum Rauchen und bemitleidete mich selbst. Das Leben muss weitergehen sagte S*****. Wir machen trotzdem was zusammen, auch wenn ich nicht mehr hier bei dir arbeite. Mann der Junge war so ein starker Typ. So könnte ich nie sein, dafür bin ich viel zu weich. Er zog die scheiße einfach immer durch und jammerte nie. Ein harter bosnischer Hund. Ich hab selten in meinem Leben jemanden so respektiert wie ihn und ich hab es ihm nicht ein einziges Mal ins Gesicht gesagt. Ich hoffe, er wusste es trotzdem. Wir unternahmen tatsächlich noch oft was in unserer Freizeit, das ging eine ganze Weile so.

Es gibt ab und zu Menschen, bei denen fragt man sich später: Warum sind die eigentlich aus meinem Leben verschwunden? Und ich denke mir dann: So besonders war die Bindung wohl einfach nicht, schon okay so. Aber bei ihm denke ich mir: Eine verdammte Verschwendung den Kontakt einfach so sacken zu lassen. Ich hoffe einfach, ihm geht es gut und er hat heute ein gutes Leben mit allem, was er sich je gewünscht hat. Niemandem würde ich es mehr gönnen als ihm. Wenn ihr älter werdet, werdet ihr merken: Ehrliche und loyale Menschen kreuzen unseren Weg nur selten. Am Ende des Tages denken die meisten nur an sich, widerliche Egoisten. So waren die Jungs damals nicht, sie waren immer mehr für andere da als für sich selbst, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Ein Lebensabschnitt endet

Das hier wird mein bei weitem längster Post von allen aber es gibt einfach so viel zu erzählen und ich halte mich noch extrem zurück. Hätte ich die komplette Geschichte erzählt dann wäre das hier ein Buch geworden. Meine Gesellenprüfung stand an und ich nutzte die Kraft, die mir die älteren Jungs mitgaben, um sie ohne Probleme zu bestehen. Kurz bevor meine Prüfungsergebnisse eintrudelten, wurde ich in die heiligen Büros nach oben gerufen. Der Betriebsleiter meinte: „Du hast dich gut gemacht, ich hab was für dich“. Er bot mir an nach der Ausbildung eine „bessere“ Stelle zu bekommen, bei der ich mir die Hände kaum schmutzig machen müsste und noch „mehr“ als die anderen verdiene, klang gut. Ich willigte ein und ging wieder zurück in die Lehrwerkstatt.

Nachdem ich meine Prüfungsergebnisse erhalten hatte, ging es zur Vertragsunterzeichnung, ihr ahnt es. Zu dem affigen Typ, den ich am Anfang des Beitrages erwähnt hatte. Der erste Eindruck zählt, das sagt man immer so flapsig aber es ist wirklich wahr. Ich hatte natürlich nicht vergessen das dieser Penner meine Mutter dumm angelabert hatte, ich verachtete ihn dafür immer noch so wie am ersten Tag. Er knallte mir einen Arbeitsvertrag auf den Tisch und ich begann ihn zu lesen. Der Arbeitsplatz, den mir der Betriebsleiter versprochen hatte, war es natürlich nicht. Der Lohn, den mir der Betriebsleiter versprochen hatte, wurde um knapp 500 € unterschritten, im Monat.

Nimm an oder zieh durch!

Dann unterschreiben Sie halt nicht!

Ich musste lachen, weil ich genau die Scheiße erwartet hatte und wieder einmal wurde der Eindruck den ich in den letzten 3,5 Jahren gewonnen hatte bestätigt. Ich meinte zu ihm: Herr ******* sagte, ich soll in der Abteilung ************ übernommen werden und der Lohn sollte laut ihm 500 € höher sein als hier angegeben. Er wurde direkt aggressiv und schnappte sich den Vertrag, den ich noch in der Hand hatte. Er fauchte mich an: DANN UNTERSCHREIBEN SIE HALT NICHT.

Ich blieb ruhig, auch wenn ich ihn gerne in Stücke gerissen hätte. Meine Hände zitterten aber nicht aus Angst, es war die Wut. Natürlich hatte ich keinen Bock am Ende gefeuert und ins Exil verbannt zu werden aber wie viel kann ein Mensch ertragen bis er komplett eskaliert? Ich überlegte kurz und dachte mir: Scheiß auf den, bleib sachlich. Ich erklärte ihm er solle doch einfach den Betriebsleiter anrufen, dann klärt sich das bestimmt von selbst.

Sie haben sich wohl verhört

Er riss den Hörer vom Telefon und tätigte den Anruf. Ja…. bla bla. Das Gespräch dauerte vielleicht 15 Sekunden. Er legte auf und ich sah wie er so richtig blöd in sich rein grinste. Also Herr ******, sie haben sich wohl verhört, wie schon gesagt, der Arbeitsvertrag ist korrekt. Unterschreiben Sie oder gehen Sie sich arbeitslos melden. Ich wollte ihn einfach nur packen und ihm die scheiße aus dem Leib prügeln. Ich hatte den Überraschungseffekt auf meiner Seite und hätte ihn fertig gemacht, mit Sicherheit.

In diesem Moment dachte ich an meine Mutter, was würde sie sagen, wenn ich den Personalchef verprügle, gefeuert werde und noch eine Anzeige plus Hausverbot kassiere? Klar, sie wäre sicher auch Stolz, sie weiß ja was das für ein Affe ist aber was wäre dann? Im Endeffekt stünde ich ohne Job da, ohne Perspektive, das wollte ich meinen Eltern nicht antun. Nicht nach all dem was Sie für mich getan hatten.

Friss oder stirb

Ich unterschrieb die Pisse also und besiegelte damit mein Schicksal, für den Rest meiner Tage dachte ich. Aber wie das Leben so spielt, wurde ich direkt in der ersten echten Arbeitswoche krank. Ich bekam das Pfeiffersche Drüsenfieber und lag für 3 Wochen flach. Ich erzählte in dieser Zeit meiner Mutter alles was passiert war und sie sagte: Du musst dich von denen nicht ausnutzen lassen, du findest schon was Neues. Falls du das nicht mehr machen willst, dann mach noch eine Ausbildung oder geh nochmal zur Schule. Dein Vater und ich helfen dir immer, egal was ist. Das von ihr zu hören war ein krasses Gefühl, sie nahm damit alle Sorgen von mir und das Problem mit dem Arbeitsvertrag hatte sich, ohne das ich es überhaupt ahnte sowieso schon erledigt.

Nach 3-Wochen Krankenstand kehrte ich zurück in den Betrieb, um mir beim Oberboss meinen Anschiss abzuholen. Er war mit das höchste Tier in der Firma, wenn man zu ihm ins Büro musste, war einem eins klar: Man war am Arsch. Ich hatte dieses Gefühl in der Magengegend, dieses elende Gefühl der Unsicherheit aber es half nichts. Ich ging die Treppen hoch, klopfte an die Tür und hörte eine bassige Stimme knurren: „JA, herein“.

Hypochonder!

Er bellte mich direkt an was mir einfällt krank zu machen und ohne das ich ein Wort sagte, erhielt ich die fristlose Kündigung. Ich antwortete: „Kein Problem“. Er fragte: was? Aber sie sind jetzt arbeitslos! Ich meinte: „Ja, aber ich habe Familie, Leute die hinter mir stehen! Ich muss mich von euch nicht ausnutzen lassen! Hau rein! Er schaute blöd und sagte nichts. Ich zog direkt durch. Ich ging noch zu S*****, es endete da wo es Anfing. Er meinte: Fuck und was jetzt? Ich sagte, alles in Ordnung, scheiß auf diesen Scheiß Drecksladen. Wir schreiben später! Dann ging ich durch das riesige Stahltor, ich roch die warme Sommerluft, stieg in meinen Golf 4 und fuhr mit Vollgas davon. Die Gewissheit hier nie wieder her zu müssen tat gut, auch wenn ich angepisst war das die mich hier abziehen wollten.

Ausbildung in der Tasche, Anstellung weg.

Mama ich wurde gefeuert!

Ich zündete mir eine am Steuer an und drehte die Musik auf eine ziemlich respektable Lautstärke. Ich war glücklich. Klar, ich hatte gerade den Job verloren aber irgendwie war ich froh endlich damit abschließen zu können. Die Ausbildung hatte ich in der Tasche. Ich habe in der Zeit dort nur Scheiße gefressen, wurde nur belogen, ausgenutzt und verarscht. Klar, es gab gratis Milch aber das alleine war kein Grund, um für ein weiterbestehen der Anstellung zu kämpfen. Dass einzig positive waren die Kollegen und dafür konnte die Firma nichts, es war reiner Zufall wie ein ungünstiger deutscher Name.

Ich rief meine Mutter an und sagte: „Mama ich wurde gerade gefeuert“. Sie sagte: „Kein Problem, du findest was Besseres, ich helf dir! Geh einfach nach Hause!“ Meine Mutter, eine Granate. Sie gibt Zero fucks, Sie ist niemand der Dinge, die schon durch sind, noch groß ausweiden muss. Sie lebt einfach damit und versucht eine Lösung zu finden, versucht immer zu helfen. Viele diskutieren immer warum, weshalb, was wäre wenn? Aber sie denkt immer positiv und jammert nicht rum was sein hätte können. Gerne wäre ich öfter wie Sie, dann hätte auch ich es oft leichter, leider habe ich diese Eigenschaft nicht geerbt. Aber, wenn ich schon nicht wie Sie sein kann dann habe ich Sie wenigstens an meiner Seite. In diesem Leben, solange sie lebt. Mama ich liebe dich!

Wehrdienst oder Zivildienst?

Ohnehin wäre ich auch bei einer Übernahme im Betrieb sowieso bald „eingezogen“ worden, wie Bäuche in Schwimmbädern. Damals gab es noch die Wehrpflicht. Ich meldete mich also beim „Bund“ und gab die Bereitschaft zum Dienst bekannt. Ich hatte wirklich Bock zum Bund zu gehen. Mit echten Waffen schießen, gemeinsam marschieren und meine Pflicht ableisten. Das hörte sich gar nicht so übel an aber es sollte alles anders kommen.

Ausbildung an der Waffe
Keine Bundeswehr aber auch Militär also Ruhe!

Es vergingen drei lange Monate und ich lebte den Traum. Jeden Tag bis 10 Uhr ausschlafen, die Playstation anmachen und bis 12 Uhr zocken. Dann kam meine Mutter nach Hause, um die Mittagspause mit mir zu verbringen. Wir aßen immer zusammen, rauchten eine in der Küche und wenn sie wieder arbeiten ging zockte ich weiter. Ich bekam knapp 400 € Arbeitslosengeld, das war zwar weniger als in der Ausbildung, davon konnte ich mir aber jede Menge neue Spiele für die Playstation und Kippen kaufen. Am Ende des Monats hatte ich sogar immer noch ein bisschen Geld auf Tasche. Mehr benötigte ich nicht zum Leben. Es war Sommer und ich genoss die Tage von morgens bis Abends.

Alle wollten zur Bundeswehr

Ich war also arbeitslos und wollte das ändern, gerade weil meine Eltern mich unterstützten, wollte ich schnell wieder loslegen, um sie nicht durch ewige Untätigkeit zu belasten. Wenigstens hatte ich eine Ausbildung, ich konnte also nicht komplett nutzlos sein. Nach einem Monat rief ich beim Bund an und fragte was Phase sei. Die Frau am Telefon meinte: „Wir haben keine freien Plätze und das wird auch noch eine Weile so bleiben“. Ich dachte mir: „Fuck, warum will denn jeder zur Bundeswehr?“. Da meine Aussichten auf einen Platz mies waren, musste eine Alternative her.

Ein Kumpel von mir leistete gerade seinen Zivildienst an einer Klinik in der Nähe ab. Ich fragte ihn: „Musst du da nicht Alten Leuten den Poo abwischen und so?“ Er sagte: Nein Mann, du kannst auch am Computer arbeiten oder im Büro. Es gibt am *********** eine Neurologie, die suchen noch einen Zivi. Geh da mal vorbei und sag, du kommst von mir.

Ich klaute das Motorrad meines Vaters, eine blaue Yamaha FZ1 Fazer. Die Maschine war unauffällig, hatte aber 150 PS unter der Haube ?. Ich fuhr in die Neurologie und fragte direkt nach, ob ich hier meinen Zivildienst leisten könnte und vor allem was dann meine Aufgaben wären. Die Frau, die dort das Sagen hatte, war übelst korrekt und wir verstanden uns direkt. Sie zeigte mir alles und sagte: Ich kläre das mal ab und melde mich bei dir. Sie meldete sich ein paar Stunden später und ich sagte zu.

Ethnische Gründe

Ich verweigerte den Wehrdienst mit einem aus dem Internet kopierten Schreiben, indem sowas wie „ich möchte aus ethnischen Gründen keine Waffen abfeuern“ stand und nahm den Job in der Neurologie an. Ein paar Wochen später hatte ich meinen ersten Arbeitstag. Ich war nicht mehr Arbeitslos und hatte wieder was zu tun. Meine Mutter hatte recht.

Am Ende wird alles gut! Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Danke fürs Lesen!

Bock auf tiefgründiges?→ https://www.chainedsociety.de/2020/08/30/verlust/

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4 Kommentare

  • Julesi

    Hat sich mega gelesen, beste Mittagspausenbeschäftigung mit nem Stückchen Kuchen.
    Freu mich auf den nächsten Beitrag bro ♥

  • Alex

    Also das mit der Milch hat einfach nur gekillt? Starker Blogpost – wie immer halt. Immer weiter, immer weiter! <3

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